Das Schorrenweible

Aus grauer Vorzeit, in der Krankheit, Hunger und Not die Menschen plagte, erzählt eine Sage von einem geheimnisvollen Weible, welches in einem bei Neukirch liegenden Waldstück, dem Schorren, gelebt haben soll.

Wenn die Sonne mit ihren letzten Strahlen wie mit goldenen Fingern durch die Tannenwipfel Griff, als wolle sie dem fahlen Licht des Mondes Platz machen, wenn ganz allmählich der Gesang der Vögel verstummte, Reh, Fuchs und Hase sich zur Ruhe legten und der dünne Abendnebel Bäume und Sträucher wie mit einem seidenen Schleier überdeckte, dann konnte man dieses geheimnisvolle Weib zwischen den Bäumen hindurchhuschen sehen oder es beobachten, wie es auf dem Waldboden kniend Beeren, Pilze und Tee- oder Heilkräuter in ihren Korb am Arm oder auf dem Rücken einsammelte.

Manche wollen dem Schorrenweible sogar von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden und in seine gutmütigen, ja geradezu freundlichen Augen geblickt haben, welche von einem runzeligen mit Pausbäckchen und Knollennäschen ausgestatteten Gesicht umrahmt waren. Über den Haaren trug es ein purpurrotes Kopftuch und darüber einen schwarzen Hut, welcher mit Moos und Schilfgras bewachsen
war und darauf auch allerlei Vögel Nester gebaut hatten.

Seine Stimme soll ganz leise und sehr hoch gewesen sein, ähnlich dem Zirpen einer Grille und all seine Bewegungen und Gesten müssen von einer unglaublichen Anmut begleitet gewesen sein. Niemand fürchtete sich vor diesem gütigen Weible, weil man ihm glaubhaft nachsagte, dass es eine große Hilfsbereitschaft
gegenüber in Not und Bedrängnis geratenen Menschen zeige. Auf unerklärliche Weise wurden diese oftmals über Nacht mit den notwendigsten Lebensmitteln versorgt, sei es mit einem Korb voller Kartoffeln, einer großen Tüte Bohnen, einem Laib Brot oder frischer Milch und Butter.

Kranke und Leidende versorgte es heimlich mit rasch heilenden Teemischungen, die es in leinen Beutelchen des nachts unbemerkt vor die Haustür oder auf den Küchenfenstersims des Betroffenen legte. Allerdings trieb das Weible vom Schorrenwald auch manchen oftmals recht schauderbaren Schabernack mit derjenigen Sorte von Menschen, die Freude daran hatte, andere Mitmenschen zu belügen, zu bescheißen oder zu schikanieren.

So sollen mit dem Schlag der Mitternachtsglocke die ganze Nacht hindurch bis in die frühen Morgenstunden in erschreckender Art und Weise Fensterläden auf- und zu- und Holzscheite auf dem Holzboden kreuz und quer durch die Luft geflogen sein, lautes Miauen, Hundegebell, ohrenbetäubendes Ochsengebrüll alle dreizehn Minuten bis zum Morgengrauen den sich im Haus befindlichen Menschen den Schlaf geraubt haben, oder es knisterte und ächzte im Gemäuer, als ob Balken für Balken aus dem Haus gerissen würde.

Man erzählt sich auch, dass dieses gutherzige Weible über geheime Kräfte verfügte und dass es wundersame Dinge vollbringen konnte. Dies bezeugen viele mündliche Überlieferungen, auf welche heute noch, vor allem alte Menschen der Gemeinde Neukirch, Stein und Bein schwören. Um dieses Weible, das damals, weil es im Waldstück Schorren lebte, “Schorrenweible” genannt wurde, ranken sich noch viele, viele Geschichten. Eines aber wird wohl immer für uns alle ein ewiges Geheimnis bleiben, woher das Schorrenweible kam und wohin und warum es eines Tages oder nachts spurlos wieder verschwand.